GORDITO....heute
Kurt |
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Kurt im Tierheim Cantera Verda in Calafell / Katalonien Nach Jahren an der Kette war sein Fell struppig und schmutzig geworden. Seine Augen waren von den Abgasen der vorbeifahrenden Lastwagen trüb und sein Blick war leer. Längst hatte er sich abgewöhnt, jemanden bittend anzuschauen, wie er es vor Jahren getan hatte, als er bereits als Junghund an eben diesem Platz lag. Nie hatte ihn jemand beachtet und er erwartete es auch nicht mehr. Wenn einmal die Woche die freiwilligen Helfer kamen, fragte er sich, warum sie seine Kette für eine viertel Stunde lösten, damit er ihnen hinterher gehen musste. Gassigehen nannten sie das. Aber er fand keinen Spaß daran, wusste er doch, dass das Ende eines jeden Spaziergangs wieder sein Platz unter dem Baum war.
Das Leben war trist und grau und einzig die Fütterung war eine Abwechslung und so fraß er immer seinen Napf ganz leer, schaute auch darunter noch mal nach, ob er vielleicht ein paar Krümel verschüttet hatte. Seine verkrustete, ausgetrocknete Nase schnupperte auf dem immer gleich riechenden Sandboden um nach Resten zu suchen, Reste seiner einzigen Abwechslung, des Futters.
Eines Tages fuhr wieder ein großes Auto durch das Tor. Es war ihm zu anstrengend aufzublicken, denn schon seit Langem waren seine Glieder schwer und schmerzhaft geworden. Jede Bewegung war eine Qual. Aus dem Auto stiegen zwei Menschen. Einige seiner jungen Kollegen wurden angeleint und ihn große Boxen gesetzt. Er drehte sich mit dem Rücken zu ihnen, weil sie ihm weh tat - die Gewissheit, hier nie wieder weg zu dürfen. Er schaute in die andere Richtung, zum Ausgang des Tierheims, wo der alte Gustav an der Kette lag. Auch er durfte wieder nicht mit. Minuten später legte sich eine Hand auf sein Köpfchen und streichelte darüber. Man löste seine Kette und leinte ihn an. "Wieso jetzt Gassi gehen?" dachte er und schaute den Menschen verblüfft an. Dieser führte ihn, den alten Hund, der ihm langsam und träge folgte, zu dem großen Auto. Dort stand eine große Box, die Tür war geöffnet. Vorsichtig schob man ihn hinein und klick - die Tür war verschlossen.
Er schaute sich um. Was war geschehen? Wohin würde man ihn bringen? Alle Menschen liefen hektisch umher, hatten Umschläge in der Hand, Leinen und Halsbänder. Irgendwann begannen sie, die Boxen in das große Auto zu laden. Aber er war doch niemals in einem Auto gewesen.... Und er wollte auch nicht in dieses Auto. Sein altes Herz pochte und er begann zu zittern. Als der Motor gestartet wurde, erschrak er furchtbar. Viele seiner jüngeren Gefährten weinten. Doch seine Tränen waren seit Jahren versiegt. Sie hatten nichts gebracht. Alles, was er noch spürte, war Resignation. Er begann nachzudenken über all die Zeit an diesem einen Platz. Lange war sein bester Freund neben ihm. Manchmal erzählten sie sich mit ihren Blicken, was sie gerade so dachten. Vor zwei Jahren nahm jemanden seinen Freund mit, die Frau war nett und liebevoll zu dem Freund und er folgte ihr fröhlich und ging zum Tor hinaus in ein besseres Leben.
Gordito (so wurde er genannt, weil er inzwischen kugelrund war) war seither alleine. Er nahm die anderen Gefährten um sich herum kaum noch wahr. Viele klagten sich ihr Leid, aber was brachte es?! Monatelang hatte er getrauert, versucht den Besuchern zu gefallen, gejault, gebellt, gewinselt. Niemals hatte es zum Erfolg geführt. Während er nachdachte, fiel er in tiefe, unruhige Träume. Vielleicht hatte es ja mit diesen Tröpfchen zu tun, die er vorher mit ein wenig Wurst bekommen hatte? Er schlief und schlief und träumte von den Regen- und von den Sonnentagen, von dem kleinen bisschen Schnee, dass wie Zuckerwatte aussah und auf dem Hüttendach lag. Er träumte von den Menschen und anderen Hunden, die an seinem Platz vorbeigekommen waren. Er träumte von seiner Sehnsucht nach Freiheit und eigenen Menschen.
Unsanft wurde er aus diesem Schlaf gerissen - die Schiebetür des großen Autos ging auf. Er blinzelte und konnte nichts erkennen. Nach einigen Minuten holte man seine Box aus dem Auto, zwei Menschen griffen nach seinem Halsband und strichen über seine angetraute Schnauze. Er schaute sie fragend an. Erneut musste er in ein Auto steigen und man fuhr in einen Garten. Gordito war durcheinander und versuchte immer wieder, seine Gedanken zu ordnen, aber es gelang ihm nicht. Zwei alte Hunde waren in diesem Garten und beschnupperten ihn aufdringlich. Er wollte das nicht, er wollte hier weg, er hatte Angst. Er knurrte die Hunde an. Da sah er entsetzte Gesichter der beiden Menschen und sie begannen zu reden und zu telefonieren. Er verstand ja kein Deutsch, aber er hatte trotzdem verstanden, dass er hier nicht bleiben durfte....
Einen Tag später kam dann wieder ein Auto. Kein großes, sondern ein Kleines. Eine Frau und ein Mann stiegen aus und riefen "Kurt, da bist Du also!". Er stieg ins Auto ein, es war ihm mittlerweile egal. Er erwartete NICHTS. Denn alles war ohnehin sinnlos, er wusste nicht, wo er war und es war ihm gleichgültig. Er wusste doch, dass das Leben nichts Gutes mit sich brachte. Immer wieder hatte er es seinen Gefährten gesagt, doch keiner wollte es glauben.
Irgendwann musste Kurt wieder aussteigen. Man nahm ihn mit in ein Haus und zeigte ihm einen großen Korb. "Das ist doch nicht MEINER?" schaute er fragend. Aber die Hand der Frau klopfte auf das Kissen im Korb und sagte "na auf, hier ist Dein Körbchen". Und er stieg vorsichtig hinein, Pfötchen für Pfötchen. Er spürte den weichen Stoff, die flauschige Oberfläche. Er sank nieder und atmete tief durch. Wieder fiel er in einen tiefen Schlaf. Dieses Mal träumte er nichts.
Am nächsten Morgen wachte er auf und schaute fassungslos: er war immer noch in diesem Haus, es war kein Traum. Er ging zu den Menschen hin und diese begannen, ihn zu streicheln. Sein Gefährte, ein weißer großer Hund, wedelte ihm freundlich zu. "Du
bleibst hier!" sagten sie ihm. Er verstand kein Deutsch, nein, aber
DAS verstand er, weil es von Herzen kam! Bald merkte er, dass auch hier
Gassi gegangen wurde. Aber er merkte auch, dass es Spaß machte. Bald spürte
er seine Lebensfreude wieder, sie keimte langsam auf und jeden Tag war
sie etwas näher zu ihm zurückgekehrt. Er rannte mit Harvey über die
Wiesen und Felder, er sah einen Schmetterling, der in vielen Farben
schimmerte. Auch an den neuen Namen hatte er sich gewöhnt. Kurt war
zwar nicht schön, aber damit konnte er sich arrangieren. Als Gordito
neulich abends im Körbchen lag ,schaute er sich im Zimmer um. Seine
Augen glänzten und sein Fell schimmerte seidig. Und plötzlich wusste
er etwas, was er vorher nie geglaubt hatte: ES IST NIEMALS ZU SPÄT!
Weitere Fotos von Kurt.
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